Jennifer Teege: Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen

Die Enkelin des „Schlächters von Płaszów“ berichtet
22. Juni 2020
Jennifer Teege Amon Nikola Sellmair

Amon Göth – Dieser Mann ist in die Geschichte eingegangen als einer der grausamsten KZ-Kommandanten während der Nazizeit. Er hat vor allem in Krakau und im KZ Płaszów eine Schreckensherrschaft geführt. 1946 wurde er in Polen für seine Taten zur Verantwortung gezogen und hingerichtet. Wie groß muss der Schock gewesen sein, zu erfahren, dass Amon Göth der eigene Großvater war?
Inhalt:
Von diesem Schicksal, dessen Entdeckung auf einem völligen Zufall beruht, berichtet Jennifer Teege in ihrem autobiografischen Werk. Sie ist 38 Jahre alt, als sie in der Bibliothek über ein Buch stolpert, das von ihrer leiblichen Mutter Monika Göth, der Tochter Amon Göths, handelt. Sie erkennt den Namen wieder und das Geburtsdatum der Mutter nimmt den letzten Zweifel: Sie ist es wirklich. Von heute auf morgen ändert sich für Jennifer Teege alles, jetzt, da sie weiß, wer sie wirklich ist. Die Ironie dabei: Teeges Vater ist Nigerianer, ihre Hautfarbe ist dunkel.

Eine bewegende Familiengeschichte

Nachdem das erste Geheimnis gelüftet ist, begibt sich Jennifer Teege auf eine bewegende Reise in die Vergangenheit. Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie zu Amon Göth, seinen Verbrechen in Polen und lernt nach und nach ihre wirkliche Familiengeschichte kennen. Teege ist bei einer Adoptivfamilie aufgewachsen ist und hatte nur sporadisch Kontakt zu ihrer Mutter. Ebenso zur leiblichen Großmutter, die die Geliebte Amon Göths während seiner Kommandantenzeit in Płaszów war. Teege reist nach Polen, besucht die Kommandantenvilla, sieht sich den Gedenkstein in Płaszów an und versucht in Auschwitz das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu begreifen. Im Buch berichtet sie schonungslos von ihren Erlebnissen und Gefühlen, von ihren Depressionen und davon, was die Enthüllungen im Allgemeinen mit ihr machen.

Ein besonderes biografisches Werk

Das Buch ist unterteilt in verschiedene Kapitel, die sich jeweils mit Amon Göth, Ruth Irene Kalder – Göths Geliebte und Teeges Großmutter, sowie mit Monika Göth und den Freunden Teeges in Israel beschäftigen. Diese Einteilung nimmt den Leser in verschiedene Etappen von Jennifer Teeges Leben mit und lassen ihn die Geschichte besser nachempfinden. Der persönliche Bericht von Teege als Ich-Erzählerin wechselt sich ab mit eher sachlich zusammengefassten Erkenntnissen durch die Journalistin Sellmair. Insgesamt ergibt sich dadurch ein sehr persönliches Werk, in dem jedoch auch die historischen Fakten nicht zu kurz kommen.

Fazit: Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen

Das Schicksal von Jennifer Teege könnte schlimmer nicht sein und für den Leser ist völlig nachvollziehbar, dass eine solche Information schockiert und erst einmal verarbeitet werden muss. Zwangsläufig fragt man sich: Was haben meine Großeltern während der Nazizeit getan? Waren es Mitläufer, aktive Befürworter oder stillschweigende Gegner? Neben dem persönlichen Bericht Teeges, macht das Buch deutlich, wie schwierig die Aufarbeitung der Nazivergangenheit gerade in der Nachkriegsgeneration gehandhabt wurde. Eine Zeit voller Tabus und Schweigen, die erst die Enkelgeneration aufbricht. Doch Antworten nach all den Jahrzehnten zu bekommen, gestaltet sich schwierig. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, wenngleich es mich schockiert und mitgenommen hat. Ich hätte mir noch einige mehr Fakten zu Amon Göth selbst gewünscht, der Fokus liegt später im Buch eher auf Teeges Mutter und ihrer eigenen Entwicklung. Alles in allem jedoch eine sehr lohnens- und empfehlenswerte Lektüre.

Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen

Autor*in: Jennifer Teege
Übersetzung:
Kategorie*n: Biografie | Roman
ISBN: 978-3499613272
Verlag:
Seiten: 272
Copyright: Rowohlt

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