Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen

Drei Schicksale, verknüpft durch ein Haus
Bettina Wilpert Herumtreiberinnen Verbrecher Verlag Leipzig DDR

Herumtreiberinnen ist nach „Nichts, was uns passiert“ der zweite Roman von Bettina Wilpert. Er spielt in Leipzig und verknüpft das Leben dreier Frauen, die sich zu unterschiedlichen Zeiten im selben Gebäude befinden. Ein Haus voller Geschichte(n) in der Lerchenstraße.

Herumtreiberinnen – Darum geht’s:

Leipzig, Juni 1983: Manja ist siebzehn und hat keine Lust auf Schule. Gemeinsam mit ihrer Freundin Maxie schwänzt sie regelmäßig und verbringt die Tage lieber im Auwald oder auf der Kleinmesse. Der unbeschwerte Sommer endet, als sie im Zimmer von Manuel, einem Vertragsarbeiter aus Mosambik, von der Volkspolizei aufgegriffen wird. Man bringt sie auf die geschlossene Venerologische Station für Frauen mit Geschlechtskrankheiten. 40 Jahre vorher wird Lilo, die den kommunistischen Widerstand unterstützt, im Keller desselben Gebäudes festgehalten. 2015 arbeitet Robin hier als Sozialarbeiterin, als das Haus Unterkunft für Geflüchtete ist.

Drei Zeiten, drei Regime, ein Gebäude

Obwohl ich schon eine Weile in Leipzig wohne, hatte ich bisher keine Ahnung von der Geschichte des Hauses in der ehemaligen Lerchenstraße, die heute Riebeckstraße heißt. Das Wegschließen von „HwGs oder Herumtreiberinnen, Arbeitsbummelantinnen, Asozialen“ (S. 5) ist ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, dem sich Bettina Wilpert hier widmet. Der Gebäudekomplex aus roten Backsteinhäusern hieß im Volksmund „Tripperburg“. Auf der geschlossenen Venerologischen Station mussten sich die Frauen täglich gynäkologischen Untersuchungen unterziehen, so auch Manja in der Geschichte. Anfangs hat sie keine Ahnung, was mit ihr passiert – die Schwestern sind brutal, empathielos und behandeln die Insassinnen wie Menschen zweiter Klasse.

In den 1940er Jahren ging es den Insassen ähnlich schlimm. Hungernd, frierend und zusammengepfercht in den Zellen im Keller, vergessen sie, ob Tag oder Nacht ist. Lilo, die den kommunistischen Widerstand im Naziregime unterstützt, wird hier festgehalten und weiß nicht, ob und wann ihr der Prozess gemacht wird und wie es weitergeht. Unwissenheit beschäftigt auch 2015 die Geflüchteten, die in der ehemaligen Lerchenstraße untergebracht werden. Sozialarbeiterin Robin kommt täglich mit den Geschichten der Menschen in Berührung, die hier in Leipzig gestrandet sind.

Ein Haus voller Geschichte(n)

Mir hat die Idee, das Haus in der Lerchenstraße als verbindendes Element zwischen den Leben der drei Frauen einzusetzen, sehr gut gefallen. In Teil 1 lernen wir zunächst Manja kennen, deren Geschichte auch insgesamt den meisten Platz im Buch einnimmt. Ab Teil 2 bzw. der Einlieferung in die „Tripperburg“ werden auch die Geschichten von Lilo und Robin mit eingeflochten. Die unterschiedlichen Stränge parallel zu beschreiben, gelingt Bettina Wilpert meiner Meinung nach sehr gut. Durch die Nennung des Datums kommt man auch nicht durcheinander, zumal Manjas Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird, die anderen beiden jedoch in der dritten Person. Bei allen drei Frauen gibt es zudem Rückblenden.

Fazit: Herumtreiberinnen

Insgesamt hat mir „Herumtreiberinnen“ von Bettina Wilpert wirklich gut gefallen. Das Thema ist aufrüttelnd und mir war dieser Teil der DDR-Geschichte vorher nicht bekannt. Der Umgang mit den Frauen in den 1980er Jahren – aber auch mit den Menschen in den 1940er Jahren und 2015 – haben mich betroffen gemacht. Anhand der Schicksale der drei Frauen erzählt die Autorin, wie ein bestimmter Ort zu einem Machtinstrument werden kann. Das hat mich doch beeindruckt. Für meinen Geschmack endete das Buch etwas abrupt und gerade ein Strang – ich verrate jetzt nicht, welchen – empfand ich nur als unzureichend abgeschlossen. Das ist jedoch wie immer nur ein subjektiver Eindruck 🙂 Insgesamt eine klare Leseempfehlung!

Schon gewusst?
Nachdem die Geschichte des Hauses in der DDR verschwiegen wurde, gibt es heute den Initiativkreis Riebeckstraße 63, der an die Vergangenheit des Gebäudekomplexes erinnert.

Herumtreiberinnen

Autor*in: Bettina Wilpert
Kategorie*n: Roman
ISBN: 9783957325136
Verlag: Verbrecher
Seiten: 266

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