Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Ein Familienroman und eine Hommage an die Natur
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In Das Flüstern der Bäume erzählt der Kanadier Michael Christie die Geschichte der Familie Greenwood und die der gleichnamigen Insel. Analog zu den Jahresringen eines Baumes, die sich nach innen hin verjüngen, reist er zurück in die Geschichte von vier Generationen.

Das Flüstern der Bäume – Darum geht’s:

Kanada im Jahr 2038: Jacinda „Jake“ Greenwood arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, die einen der letzten Primärwälder der Erde beheimatet. Die Namensgleichheit hält sie für Zufall, bis sie eines Tages das Tagebuch von ihrer Großmutter bekommt, die sie nie kennengelernt hat. Jahresring um Jahresring enthüllt sich ihr damit endlich die Geschichte ihrer Familie väterlicherseits. Die Personen und ihre Lebenswege könnten nicht unterschiedlicher sein und doch verbindet sie alle eines: der Wald.

Familienepos einmal anders

Zuerst einmal muss ich anmerken, dass mir der Einstieg nicht allzu leichtgefallen ist, obwohl mich die Story selbst sehr interessiert hat. Ein Grund dafür lag meiner Meinung nach auch in der Art, wie dieses Buch aufgebaut ist. Sie beginnt in der Zukunft im Jahr 2038, in dem Vieles schon zu spät ist. Wälder sind durch Dürren und das „Große Welken“ verschwunden, auf Greenwood Island gibt es einen der letzten Primärwälder, der von Pilgern besucht wird. Ab hier wird die Geschichte rückwärts erzählt. Zuerst geht es von Jacinda zu ihrem Vater Liam, einem Meister der Tischlerkunst, dann weiter zurück zu dessen Mutter, Willow, einem Vollblut-Hippie, die jeden Baum zu schützen versucht. Und schließlich zurück in die Jahre 1934 zu Willows Onkel Everett, einem Landstreicher, und 1908, in dem alles beginnt. Von da aus – etwa ab der Mitte des Buches – werden die Handlungsstränge chronologisch bis zurück in die Zukunft wieder aufgenommen und enden schließlich wieder mit Jacinda.

Atmosphärisch und teils poetisch

Mithilfe der Familiengeschichte um die Greenwoods hat Michael Christie eine richtige Hommage geschaffen. An die Natur, an den Wald in seiner Gesamtheit und an die Bäume im Einzelnen. Natürlich versteckt sich dahinter auch eine Botschaft – doch sie kommt nicht mit dem sprichwörtlichen erhobenen Zeigefinger daher. Sie wird eingebettet in die Story, die Leser*innen erleben sie in den Handlungen der Figuren und in deren jeweiligem Umgang mit Wald, den Bäumen und dem Werkstoff Holz. Eines wird deutlich: Nichts ist selbstverständlich und irgendwann – wenn wir nicht aufpassen – wird es verschwunden sein. Die Zukunftsaussicht vom Jahr 2038 finde ich weder weit hergeholt noch überzogen – sie erscheint aus heutiger Sicht leider durchaus realistisch.

„Der beste Moment, um einen Baum zu pflanzen, ist immer vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist immer jetzt.“ (S.469)

Etwas fehlt…

Die Story ist wirklich gut, interessant und mal auf eine ganz andere Art und Weise ausgearbeitet. Der Schreibstil hat mir gefallen, er ist teilweise fast ein bisschen poetisch und hebt das Buch damit auf ein höheres Level. Einem Familienepos und einer Hommage also durchaus angemessen. Und doch: Für mich persönlich hat etwas gefehlt – etwas, das ich nicht genau benennen kann. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich verhältnismäßig lang gebraucht habe, um in die Geschichte zu finden. Bis zur Hälfte des Buches hat es mich nicht richtig gepackt – bis ich zur Stelle kam, 1908, an der alles beginnt. Ab diesem Punkt schloss sich für mich der Kreis und alles machte nach und nach Sinn. Den zweiten Teil des Buches fand ich damit deutlich spannender und mitreißender.

Fazit: Das Flüstern der Bäume

Ich verstehe gut, warum für viele Leser*innen „Das Flüstern der Bäume“ ein Jahreshighlight 2020 war. Es ist eine Familiengeschichte, die bewegt, mitreißt und doch ganz anders ist. Insgesamt hat mir das Buch ebenfalls gefallen, doch richtig hineinfühlen konnte ich mich erst ab etwa der Hälfte. Ich gehe davon aus, dass andere Leser*innen in diesem Fall das Buch bereits abgebrochen hätten. Letztlich bin ich froh, genau das nicht getan zu haben und ihm eine Chance zu geben, sich zu entwickeln. Ich mochte zwar nicht jeden der Greenwoods und über das Ende lässt sich arg diskutieren, doch ich bin froh, es schließlich gelesen zu haben. Vielleicht war es einfach nicht das richtige Timing für mich und dieses Buch. Eine Leseempfehlung spreche ich dennoch aus, denn meine „Mängel“ sind doch sehr subjektiv gefärbt.

Das Flüstern der Bäume

Autor*in: Michael Christie
Kategorie*n: Roman
ISBN: 978-3-328-60079-4
Verlag: Penguin
Seiten: 560
Copyright: Penguin Verlag

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