Leïla Slimani: Das Land der Anderen

Ein persönlicher Blick in die Geschichte von Marokko
Leila Slimani Das Land der Anderen Marokko Luchterhand Frankreich

Das Land der Anderen spaltet seit seinem Erscheinen Ende Mai 2021 die Geister. Es könnte kaum unterschiedlichere Meinungen zu Leïla Slimanis neuem Buch, dem ersten einer Reihe, geben. Ich wollte wissen, was es damit auf sich hat und habe es gelesen.

Das Land der Anderen – Darum geht’s:

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verliebt sich die Elsässerin Mathilde in den marokkanischen Offizier Amine Belhaj. Sie heiraten und Mathilde folgt ihrem Mann in dessen Heimat auf einen abgelegenen Hof, den dieser von seinem Vater geerbt hat. Während er versucht, dem kargen Boden einen landwirtschaftlichen Ertrag abzutrotzen, zieht Mathilde die beiden Kinder groß. Dabei begegnen ihr immer wieder Hürden: der alltägliche Rassismus der Kolonialmacht, die Vorurteile gegenüber Mischehen wie ihrer und die patriarchalischen Traditionen der Einheimischen, von denen sich auch ihr Mann nicht ganz lossagen kann. Doch Mathilde gibt nicht auf.

Ein Land im Umbruch

Die Spanne des Romans umfasst etwa zehn Jahre – er beginnt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und endet 1955. Während dieser Zeit befindet sich Marokko nach wie vor unter der Kolonialherrschaft Frankreichs. Entsprechend gibt es französische Stadtviertel, die in krassem Gegensatz zu den arabisch geprägten Vierteln stehen. Man bleibt jeweils unter sich – Mischehen, wie die von Mathilde und Amine werden nicht gern gesehen. Entsprechend haben auch die Kinder, die daraus hervorgehen, ein eher schweres Los. Diese Rolle kommt im Roman vor allem der kleinen Aïcha zu, Mathildes und Amines Tochter. Gegen Ende des Buches befindet sich das nordafrikanische Land in einer Umbruchphase: Nationalisten erstarken immer mehr, es gibt Anschläge, man rückt vor, Städte und Orte werden eingenommen. Die Unabhängigkeit von Frankreich ist geradezu greifbar.

Eine persönliche Geschichte

Leïla Slimani verknüpft die Historie ihres Geburtslandes mit ihrer persönlichen Biografie. Laut Verlagsangabe orientiert sich die Geschichte von Mathilde und Amine an der von Slimanis Großeltern. Die Frauen, vor allem Mathilde und nicht zuletzt auch Aïcha, stehen im Mittelpunkt, doch anhand ihres Lebens erfährt man viel über das Land und die damals herrschenden Konventionen. Diesen Einblick fand ich durchaus spannend, zumal ich mich vorher noch nie wirklich mit der Geschichte Marokkos auseinandergesetzt hatte. Durch Mathilde, Amine, Aïcha und alle anderen wird es persönlich und greifbar.

Ein etwas anderer Slimani

Ich habe bisher alle Romane von Leïla Slimani gelesen, doch dieses Buch hier ist anders. Der Stil ist wesentlich erzählerischer und detaillierter, sie lässt sich viel Zeit, gibt Raum für Beschreibungen. Auch Nebenfiguren bekommen ihre Geschichte und damit ein Profil. Damit erhält das Buch allerdings auch einige Längen, die umso schwerer wiegen, da es kaum wörtliche Rede auf den fast 400 Seiten gibt. Was in den anderen Romanen Slimanis zwischen den Zeilen transportiert wird, ist hier ausführlich beschrieben.

Fazit: Das Land der Anderen

Trotz der durchaus interessanten historischen Thematik war mir „Das Land der Anderen“ phasenweise doch ein bisschen zu langweilig. So richtig spannend und fesselnd ist die Geschichte um Mathilde und Amine leider nicht. Vielleicht ist das aber auch der Tatsache geschuldet, dass dies wohl erst der erste Band einer Reihe ist. Bisher weiß ich noch nicht, ob ich der Geschichte weiterhin eine Chance gebe. Sprachlich ist es gut umgesetzt, der etwas bildhaftere, beschreibende Stil gefällt mir sogar besser als beispielsweise bei „All das zu verlieren“. Die harsche Kritik bzgl. der Verwendung bestimmter Wörter (N-Wort, Z-Wort) kann ich nur teilweise nachvollziehen – ich sehe es im historischen Kontext und hätte das Buch deswegen nicht abgebrochen. Doch das muss selbstverständlich jede*r für sich selbst entscheiden.

Das Land der Anderen

Autor*in: Leïla Slimani
Kategorie*n: Historischer Roman
ISBN: 978-3-630-87646-7
Verlag: Luchterhand
Seiten: 384
Copyright: Luchterhand

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