Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Von Glasröhrchen, Flussgeistern und der Revolution
Yulia Marfutova Der Himmel vor hundert Jahren Rowohlt Russland Oktoberrevolution

Der Himmel vor hundert Jahren ist das Romandebüt von Yulia Marfutova. Sie beschäftigt sich mit der für Russland so prägenden Oktoberrevolution, zieht die Geschichte aber von einer ganz anderen Seite auf. Das Ergebnis ist eine interessante, teils witzige, teils raue Perspektive.

Der Himmel vor hundert Jahren – Darum geht’s

Ein Dorf irgendwo in den unglaublichen Weiten Russlands um das Jahr 1918: Die Revolution hat längst stattgefunden, der Zar ist gestürzt, doch davon wissen die Dorfbewohner noch nichts. Doch auch hier steht die Zeit nicht still: Ilja etwa trifft Vorhersagen mithilfe eines Glasröhrchens, nicht nur zum Wetter. Seine Frau vertraut lieber den althergebrachten Traditionen, auch als ihr eines Tages ein Messer herunterfällt, das einer Vorsehung gleichkommt. Und tatsächlich trifft kurz darauf ein Fremder im Dorf ein – ohne Stiefel, dafür mit einer zerschlissenen Offiziersuniform. Ihm folgen Ideen und noch eine ganz andere Realität, aus der nicht einmal die junge Annuschka schlau wird.

Alte Bräuche, neue Ideen

Den Ansatz, die russische Revolution von 1917 aus einer ganz anderen Perspektive zu zeigen, fand ich sehr gelungen. Dabei ist der Roman von Yulia Marfutova keinesfalls ein Geschichtsbuch. Sie verlagert das Geschehen in ein namenloses Dorf und stellt einige wenige Charaktere in den Mittelpunkt. Da ist Ilja, der auf die Vorhersagen eines Glasröhrchens vertraut, das eigentlich „nur“ ein Thermometer ist, doch das weiß keiner. Ihm und seinen „Iljanisten“ steht Pjotr gegenüber, der Vorhersagen lieber anhand des Flusses trifft und damit für die Traditionen steht. Iljas Frau ist loyal gegenüber ihrem Mann, im Herzen jedoch „Pjotrianerin“ und Annuschka, die Enkelin, möchte einfach nur kein Kind mehr sein. Veränderung bringt Wadik ins Dorf – keiner weiß, woher er kommt, was er will und warum er bleibt. Sicher ist nur: er hat Ideen. Neue Ideen, die bald schon „die Realität“ ins Dorf kommen lässt.

Ein Roman zwischen den Zeilen

In „Der Himmel vor hundert Jahren“ beschreibt die Autorin die Umwälzungen, die auf die Oktoberrevolution 1917 folgen, allerdings ohne, sie beim Namen zu nennen. Alles wird nur angedeutet, die Wahrheit steht überwiegend zwischen den Zeilen. Menschen verschwinden, Ikonen werden an sicheren Orten versteckt, von neuen Ideen ist die Rede und zwei weitere Personen werden als „die Realität“ bezeichnet. Dieser Stil ist einfach ganz anders als alles, was man so kennt. In kurzen Sätzen, fast stakkatohaft, werden die Ereignisse aus den verschiedenen Perspektiven der Dorfbewohner geschildert. Aus den Überlegungen von Pjotr, Iljas Frau, Wadik, Annuschka, Warwara, usw. erschließt sich ein Gesamtbild für die Leser*innen. Man begreift die unterschwellige Bedrohung, die die neuen Ideen für die Dorfgemeinschaft mit sich bringen, kann sich erklären, warum Menschen verschwinden und was mit ihnen passiert. Doch nichts davon steht schwarz auf weiß – nur zwischen den Zeilen.

Fazit: Der Himmel vor hundert Jahren

Der Himmel vor hundert Jahren ist ein Buch, auf das man sich ganz einlassen muss. Um die tiefere Handlung zu begreifen, muss man dabeibleiben und darf sich vom Erzählstil nicht abschrecken lassen. Das Thema – die Oktoberrevolution – ist bekannt und doch bekommt sie im Roman von Yulia Marfutova eine ganz neue Betrachtungsweise. Das Zwischen-den-Zeilen-lesen ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, spiegelt aber die Ahnungslosigkeit der Dorfbewohner wider. Sie wissen nicht, was im fernen Moskau oder in Sankt Petersburg passiert, nicht einmal, ob der große Krieg überhaupt schon vorbei ist.

Insgesamt eine kurzweilige, jedoch durchaus anspruchsvolle Lektüre, die einen gelungenen Perspektivwechsel auf die russische Geschichte bietet. Mal ein ganz anderer historischer Roman!

Der Himmel vor hundert Jahren

Autor*in: Yulia Marfutova
Kategorie*n: Historischer Roman
ISBN: 978-3-498-00189-6
Verlag: Rowohlt
Seiten: 192
Copyright: Rowohlt

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