Henrik Szántó: Treppe aus Papier

Bewegende Geschichte erzählt aus der Sicht eines Hauses
14. Mai 2026
Henrik Szántó Treppe aus Papier Blessing Verlag Penguin Randomhouse

Treppe aus Papier ist ein Roman von Henrik Szántó, der durch eine völlig andere Erzählperspektive besticht. Der Autor greift geschichtliche Ereignisse auf und verknüpft – durch die Stimme eines Hauses – die Gegenwart mit der Vergangenheit.

Treppe aus Papier – Darum geht’s:

Ein altes Haus in einer namenlosen deutschen Stadt, in irgendeiner Wohnstraße: Es erzählt Geschichten; seine Mauern, Treppen und Rohre berichten davon, wer bereits alles ein und aus gegangen ist, wer hier gewohnt hat und immer noch wohnt. Irma zum Beispiel. Die 90-Jährige wohnte schon als Kind in den 1930er Jahren im ersten Stock, gemeinsam mit ihren regimetreuen Eltern. Jetzt im Alter und durch die Gespräche mit der Schülerin Nele aus dem vierten Stock denkt Irma wieder häufiger an die kleine Ruth Sternheim und daran, was vor vielen Jahrzehnten in diesem Haus geschehen ist.

Wenn alte Mauern erzählen könnten…

Wie oft habe ich mir das schon gedacht, wenn ich Altstädte, Burgen oder Kirchen besucht habe. Doch auch jedes „normale“ Wohnhaus könnte Geschichten erzählen, denn immerhin sind es die darin wohnenden Menschen, die sie mit Leben erfüllen. Mit ihnen ziehen Freude, Sorgen, Probleme, Schicksale sowie die größeren oder kleineren Päckchen, die es zu tragen gilt, ein. Henrik Szántó greift genau das in seinem Roman auf. Das Haus in seinem Buch hat schon viele Menschen – Familien, Singles, Paare, Haustiere, … – kommen und gehen sehen. Sie sind die Treppen nach oben und unten gestiegen, die Hände am Geländer und die Wände hallen wider von Lachen, Weinen und Streiten. Nach und nach lernen die Leser*innen so die aktuellen Bewohner*innen kennen – und auch die ehemaligen.

Wo die Schuld wohnt

Eine Schlüsselfigur ist die 90-jährige Irma Thon, die bereits ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht hat. Seit ihrer Kindheit in den 1930er Jahren trägt sie eine Erinnerung und mit ihr eine Schuld in sich, von der sie nie jemandem berichtet hat. Als sie mit Nele, die sich auf eine Geschichtsklausur vorbereiten muss, ins Gespräch kommt, werden die Geschehnisse von damals in Irmas Kopf wieder lebendig. Nach und nach erinnert sie – und mit ihr das Haus – sich an alle Ereignisse, in deren Zentrum die kleine Ruth Sternheim aus dem vierten Stock standen.

Über die Figur Irma verbindet Henrik Szántó die Gegenwart mit der Vergangenheit und Geschichten mit der Geschichte. Das Haus mit seinen Treppen, Wänden und Türen ist dabei nicht länger stummer Zeuge, sondern erzählt aus seiner Perspektive, was vor vielen Jahrzehnten geschehen ist und bis heute nachklingt.

Fazit: Treppe aus Papier

Der Klappentext klang äußerst vielversprechend, ebenso wie die eher ungewöhnliche Erzählperspektive. Mich hat „Treppe aus Papier“ wirklich überrascht, es hat meine Erwartungen auf jeden Fall übertroffen. Für die Schilderungen des Hauses findet Szántó feingeistige, fast poetische Worte, manche Wahrheit lässt sich nur zwischen den Zeilen lesen. Es ist ein leises, aber sehr kraftvolles Buch, das zum Nachdenken anregt. Was hat das eigene Wohnhaus schon erlebt, durch welche Zeiten ist es gegangen und welche Menschen hat es beherbergt? Das hat mir wahnsinnig gut gefallen und ich möchte dieses Buch absolut jeder*m ans Herz legen!

Treppe aus Papier

Autor*in: Henrik Szántó
Übersetzung: -
Kategorie*n: Roman
ISBN: 978-3-89667-778-5
Verlag: Blessing
Seiten: 224
Copyright: Blessing

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