Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Standesdünkel, ein bisschen Camorra und die leidige Pubertät
Elena Ferrante - Meine geniale Freundin

Den ersten Band der „Neapolitanischen Saga“ von Elena Ferrante habe ich vor über einem Jahr begonnen, dann wieder weggelegt und vor einigen Wochen wiederentdeckt. Da diese Reihe überaus gute Kritiken bekommen hat, musste ich einfach wissen, ob da etwas dran ist…

Darum geht’s: Die beiden Mädchen Elena und Lila wachsen in den 1950er Jahren in einem „Rione“ – zu Deutsch einfach „Stadtteil“ – von Neapel auf. Lila, unerschrocken, wissbegierig und impulsiv, gibt die Richtung vor; Elena, die eher zurückhaltend, angepasst und überlegt ist, folgt ihr. Ihr Alltag verändert sich, als Lilas Vater beschließt, seine Tochter in der Schusterwerkstatt mitarbeiten zu lassen, während Elena weiter zur Schule gehen darf. Dabei wird sie das Gefühl nicht los, den Weg zu beschreiten, der eigentlich ihrer genialen Freundin zugestanden hätte.

Zwei ungleiche Mädchen

„Meine geniale Freundin“ nimmt den Leser mit in eine kleine, abgegrenzte Welt mitten in der Großstadt Neapel. Der Rione, den Elena und Lila die ersten zehn Jahre ihres Lebens nicht verlassen, ist ein ärmliches, dicht bebautes Viertel, in dem Streitereien, Gewalt und traditionell gepflegte Feindschaften genauso häufig vorkommen wie tiefe Freundschaft, Liebe und Versöhnung. Die beiden Mädchen stammen entsprechend aus ähnlichen, familiären Verhältnissen und könnten doch nicht unterschiedlicher sein. Sie verbindet allerdings etwas miteinander, das tiefer ist und das über Jahre hinweg anhält, auch wenn sich ihre Leben in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

„Es war eine alte Angst, eine Angst, die mich nie verlassen hatte, eine Angst, mein Leben könnte an Intensität und Gewicht verlieren, wenn ich Teile ihres Lebens verpasste.“

Beide haben sehr gute Noten in der Schule, doch nur einer – Elena – ist es vergönnt, die Schullaufbahn bis zum Gymnasium weiterzuverfolgen. Fast schämt sie sich dafür, auf „die Schule für feine Leute“ zu gehen. Unweigerlich ändert sich der Alltag für beide – ein tiefer Einschnitt, den ihre Freundschaft verkraften muss, auch wenn keine das offen zugibt.

Durch die Sprache, den Umgang der Figuren miteinander und vor allem durch das, was nicht gesagt wird, macht Elena Ferrante die Umstände und engen Konventionen der damaligen Zeit deutlich. Der Leser fühlt geradezu die Ungerechtigkeit, über die sich keiner beschwert, weil das Leben nun einmal so ist und schon immer so war.

Zeitlose Gefühle

Im ersten Band der Saga begleitet der Leser die beiden Hauptfiguren von der Kindheit, weiter durch die gesamte Pubertät bis ins zarte Alter von sechzehn. Dabei könnte man fast vergessen, dass die Story in der Mitte des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist, denn eines wird deutlich: Trotz aller Widrigkeiten erleben die Mädchen im Zuge des Erwachsenwerdens die gleichen Gefühle wie jede andere Generation vor und nach ihnen. Der erste Freund, die Periode, die Frage „Bin ich schön und attraktiv?“ zählen zeitweise mehr als zum Beispiel die Frage nach der eigenen Zukunft.

Fazit: Meine geniale Freundin

Trotz des für mich spannenden Settings in den Fünfzigerjahren und trotz der gut gezeichneten Entwicklung der einzelnen Figuren über die Jahre lässt mich der erste Band mit einem eher unbestimmten Gefühl zurück. Mir fehlte insgesamt das gewisse Etwas, das die Spannung soweit aufbaut, um unbedingt wissen zu wollen, wie es mit Elena und vor allem Lila weitergeht. Vielleicht liegt es daran, dass das Buch an manchen Stellen so seine Längen hat, wohingegen es an anderen fast zu schnell vorangeht. Vielleicht stand mir auch der innere Konflikt Elenas, aus deren Sicht das Buch ja erzählt wird, zu sehr im Vordergrund, ohne sich wirklich weiterzuentwickeln oder gar aufzulösen. Meine ganz persönliche Meinung ist: Ich kann den Hype um die Reihe nicht so ganz nachvollziehen und bin ehrlich noch nicht sicher, ob ich je den 2. Band lesen werde.

Meine geniale Freundin

Autor: Elena Ferrante
Kategorie*n: Roman
ISBN: 978-3-518-46930-9
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 488
Copyright: Suhrkamp Verlag
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