Anja Hirsch: Was von Dora blieb

Familiengeschichte aus der Kriegsenkelperspektive
Anja Hirsch Was von Dora blieb C. Bertelsmann Roman Familiengeschichte

Was von Dora blieb ist ein Roman von Anja Hirsch, der von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert wurde. Über drei Generationen und ein ganzes Jahrhundert hinweg schickt sie ihre Protagonistin auf Spurensuche.

Was von Dora blieb – Darum geht’s:

2014: Isa flüchtet sich aus ihren Eheproblemen in eine Auszeit. Im Gepäck hat sie eine Kiste aus dem Nachlass ihres Vaters voller Fotos, Tagebücher und Brief ihrer Großmutter Dora. Isa hat die strenge alte Dame kaum gekannt und taucht nun nach und nach ein in ein ihr völlig unbekanntes Leben. Dora war Kunststudentin in Essen und erlebte sinnliche Jahre voller revolutionärer Ideen, bevor die dunklen 30er Jahre und der Krieg folgten. Was bleibt von jemandem, der so viel erlebt hat?

Drei Generationen – ein Jahrhundert

Isa, ihr Vater Gottfried und dessen Mutter Dora – um diese drei Personen spielt sich die autobiografisch inspirierte Geschichte von Anja Hirsch ab. Sie beginnt 2014 mit Isa, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Zwischen den Eheleuten kriselt es gewaltig und Isa geht auf Abstand, sie flüchtet in die Einsamkeit einer eigenen Wohnung, weit weg von daheim. Um auf andere Gedanken zu kommen, beschäftigt sie sich mit ihrer Großmutter, die starb, als Isa noch recht jung war. Wer war diese streng dreinblickende, kühle Frau? Dieser Frage geht Isa nach und tacuht immer tiefer in die Familiengeschichte ein.

Parallele Handlungsstränge

Isa geht chronologisch vor und so wechseln die Perspektiven aus ihrer, als Ich-Erzähler berichteten Gegenwart, in die Vergangenheit zu Doras Geschichte, die 1914 beginnt. Da ist sie ein kleines Mädchen, das ihren Vater vermisst, der im Ersten Weltkrieg kämpft. Aus dem Kind wird eine junge, modern denkende Frau, die in den 1920er Jahren am „Bauhaus des Ruhrgebiets“, der heutigen Folkwang-Schule, in Essen studiert. Nach und nach – immer im Perspektivwechsel zwischen Isa und Dora – wird von Doras Leben berichtet. Ihre Hochzeit, der Zweite Weltkrieg, die Entbehrungen danach. Im 3. Teil des Buches kommt auch ein dritter Handlungsstrang dazu, nämlich Gottfrieds Perspektive, der für kurze Zeit Schüler auf einer der berüchtigten Napola-Schulen war. So offenbart sich chronologisch das Leben von Dora, ihres Sohnes und ihrer Enkelin.

Teils zu viel, teils zu wenig…

Das Buch liest sich sehr flüssig, es ist logisch und nachvollziehbar aufgebaut. Die Perspektivwechsel sind klar gekennzeichnet, sodass man keinesfalls im Handlungsstrang oder der Zeit durcheinander kommt. Die Geschichte selbst fand ich durchaus interessant und man merkt, dass die Autorin selbst bei der Recherche wohl auf zahlreiche Details gestoßen ist. Vieles davon hat sie untergebracht – was an mancher Stelle einfach zu viel war. So war Isas Großvater angestellt bei der IG Farben, einem Großbetrieb, dem im Zweiten Weltkrieg eine zweifelhafte Rolle zukam. Sicherlich ist das auch interessant, doch ich bin ehrlich: In einer Familiengeschichte brauche ich keine ausufernde Unternehmensgeschichte. Was mir hingegen fehlte, vielleicht auch weil es sehr viele geschichtliche Fakten gab, waren die Emotionen. Doras Geschichte war recht nüchtern erzählt, generell blieben mir die Figuren zu unnahbar.

Fazit: Was von Dora blieb

Für mich war dieser Roman eine nette Familiengeschichte, doch eben sehr durchschnittlich und leider zu wenig emotional. Bleibt noch die Frage: Was von Dora blieb? Nicht viel, außer einem Leben mit Höhen und Tiefen, Glück und Entbehrungen, Liebe und Tod. Und am Ende: Eine Kiste mit Erinnerungen. Nicht mehr und nicht weniger. Also: Schön geschrieben, gut recherchiert, doch leider nichts, was mir ewig im Kopf bleiben wird. Schade!

Was von Dora blieb

Autor*in: Anja Hirsch
Kategorie*n: Roman
ISBN: 978-3-570-10396-8
Verlag: C. Bertelsmann
Seiten: 336
Copyright: C. Bertelsmann

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